Das Krankenhaus Attat in Äthiopien

Das Krankenhaus Attat bietet ärztliche Hilfe für eine Million Menschen

Das letzte von Anna Dengel selbst gegründete Spital in Äthiopien

Am Anfang war praktisch nichts vorhanden – nur ein altes, leerstehendes Schulgebäude. Hier inmitten der äthiopischen Gurage-Region, in der es für die Menschen keinerlei medizinische Gesundheitsversorgung gab, nahmen im April 1969 vier Missionsärztliche Schwestern (MMS, Medical Mission Sisters) aus Indien und Deutschland gemeinsam mit zehn angelernten lokalen Helfern ihre Arbeit auf. Aus der kleinen, primitiv eingerichteten  Dorfstation in Attat ist in den folgenden Jahrzehnten ein „ausgewachsenes“ Krankenhaus samt regionalem Sozial- und Gesundheitsprogramm entstanden. Um den medizinischen Betrieb aufrecht zu erhalten, ist das Spital auf internationale Spendengelder angewiesen.

Einzugsgebiet

Das Krankenhaus Attat – rund 175 Kilometer südwestlich von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba gelegen – war das 48. und zugleich letzte Spital, dessen Errichtung von Ordensgründerin Anna Dengel höchstpersönlich initiiert worden ist (siehe Geschichte Die Anfänge). Noch vor wenigen Jahren war es überhaupt das einzige Spital in der Region, in der geschätzt rund eine Million Menschen leben (Einzugsradius ca. 100 km). Eröffnet und stetig ausgebaut von den MMS, wurde das Spital schon vor langer Zeit der katholischen Kirche Äthiopiens übergeben. Die Schwestern sind jedoch bis heute in leitender Funktion tätig. Seit 1997 fungiert die aus Deutschland stammende Schwester und Ärztin Dr. Rita Schiffer als ärztliche Leiterin. Das gesamte Projekt beschäftigt zur Zeit 198 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Attat-Spital aus der Vogelperspektive (2019)

300 Ambulanzpatienten täglich

„Wir bieten der zumeist armen ländlichen Bevölkerung einen Basisgesundheitsdienst, für die Leute wäre es unmöglich, zu privaten Gesundheitsdienstleistern in die Hauptstadt Addis zu fahren“, sagt die gelernte Gynäkologin Rita Schiffer. Von 37 größeren und kleineren Gesundheitszentren in der Region werden Patienten an das Spital überwiesen. Im langjährigen Durchschnitt erscheinen in der Ambulanz täglich an die 300 Personen. Die Anzahl jener, die stationär behandelt werden, steigt stetig.

Nach dem letzten größeren Um- und Ausbau in den frühen 2010er-Jahren verfügt das Krankenhaus über 89 Betten. Im Haus für Risikomütter stehen weitere 33 Betten bereit,  die Abteilung für fehlernährte Kinder kann 11 Betten belegen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Patienten liegt bei drei Tagen.

Zu den häufigsten Gründen für eine Aufnahme zählt die Geburt eines Kindes, gefolgt von der Behandlung von Infektionskrankheiten aller Art wie etwa Malaria, Problemen mit dem Verdauungstrakt sowie Blasen- und Nierenbeschwerden. Im einfachen Operationssaal werden kleinere und größere Eingriffe vorgenommen, wie zum Beispiel Kaiserschnitte, Operationen wegen Gebärmuttersenkung oder Zahnextraktionen (genaue Zahlen aus den Jahresstatistiken finden sich in der Rubrik Das Attat-Spital in Zahlen).

Kein europäischer Standard

Um keinen falschen Eindruck zu vermitteln: die Ausstattung des Attat-Spitals kann nicht mit europäischen Standards verglichen werden. Wo hierzulande eine ganze Schar an Spezialisten werkt, muss das Team in Attat Operationen mit teils einfachen Mitteln durchführen. Da ist etwa ein alter Zahnarztstuhl im Einsatz, nur weil dessen angebrachte Leuchte gut funktioniert. Die Betten für die Patienten werden mitunter selbst zusammengeschweißt, um sie so stabiler und länger haltbar zu machen. Medizinische Gerätschaften altern rasch, sind zudem oft von unterschiedlichster Herkunft und können so nicht immer richtig gewartet werden.

Eine saubere Wasserversorgung ist ebenso wie eine konstante Stromversorgung ein Dauerthema im Haus. Organisieren und improvisieren – von der Beschaffung des Verbandsmaterials über Medikamente bis hin zur Verpflegung des Personals – gehören für die Krankenhausleitung zum Alltagsgeschäft. „Das Leben hier auf dem Land spielt sich zwischen Steinzeit und Postmoderner ab“, erzählt Schwester Rita gerne. Da pflügt der Bauer sein Feld mit am Wagen eingespannten Ochsen und hält zugleich ein Smartphone in Händen. Unnötig zu sagen, dass Handynetze und Internetverbindungen mitunter dauerhaft einfach ausfallen.

Gesundheits- & Sozialprogramm

„Attat ist nicht nur Spital sondern zudem Sozialzentrum“, erklärt Schwester Rita. So wird in Zusammenarbeit mit mittlerweile 54 Dörfern im Umland der Bevölkerung ein umfangreiches Gesundheitsprogramm angeboten. Zu den dabei behandelten Themen gehört Gesundheitserziehung, AIDS, Tuberkulose, Impfungen, Sauberkeit, schädliche traditionelle Praktiken, Familienplanung, Kinderversorgung, Toilettengebrauch, Durchfallerkrankungen, Augenleiden usw.

Teil des Programmes ist auch „eine sichere Wasserversorgung“ mit 122 Brunnen und Wasserstellen, instand gehalten vom Wasserteam des Spitals. Frauenarbeit wird etwa mit Kleinkrediten unterstützt, gespeist aus einem eigenen Fonds, den die Frauen zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins selbst verwalten.

Neben den qualifiziert geführten Gesundheitszentren in der Region gibt es zudem acht dörfliche „Gesundheitsposten“, jeweils besetzt mit Dorfgesundheitshelfern, die Bagatellleiden wie Kopfschmerzen, kurzzeitiges Fieber, Würmer, kleine Wunden und unkomplizierte Augenentzündungen behandeln. Das erspart vielen Menschen den Weg in die Krankenhausambulanz.

Ausbildungszentrum

Attat hat sich daneben als Ausbildungsspital für Hilfs- und Pflegepersonal etabliert. In Äthiopien erfolgt etwa die Ausbildung zur Krankenschwester vielfach zuerst nur theoretisch. An den angebotenen Lehrplätzen kann das theoretische Wissen in der Praxis umgesetzt werden. Das Spital hat so Modellcharakter für die gesamte Region, für das ganze Land. Was in jüngster Zeit selbst vom äthiopischen Staat anerkannt wird. Staatliche Finanzhilfe gibt’s deswegen trotzdem nicht. Allerdings wurde das Wissen einer der Schwestern jüngst in Anspruch genommen, um ein kleines staatliches Krankenaus im einige Kilometer entfernten Regions-Hauptort Welkite einzurichten.

Großartige Auszeichnung für Attat-Spital

Im Herbst 2022 wurde in Berlin an die ärztliche Leiterin, Sr. Dr. Rita Schiffer, der Else Kröner-Fresenius Preis für Medizinische Entwicklungszusammenarbeit 2022 für das Projekt „Nachhaltige chirurgische Versorgung in Attat“ vergeben.

Anlässlich der Preisverleihung wurde auch ein Doku-Film über Sr. Rita und ihre Arbeit in Attat produziert. Zu sehen ist der Film weiter unten auf dieser Seite.

Auf Spenden angewiesen

Nach der jüngsten Statistik (2025) stammen 42% der Einnahmen des Krankenhauses aus Patientenbeiträgen. Der Rest der Kosten muss mit Spenden abgedeckt werden. „Ohne diese finanzielle Hilfe aus Europa, der alten Heimat von Anna Dengel, wäre der laufende medizinische Betrieb nur sehr schwer aufrecht zu erhalten“, sagt Rita Schiffer.

Die Freunde Anna Dengel unterstützen in Kooperation mit der österreichischen Hilfsorganisation Jugend Eine Welt seit geraumer Zeit das Krankenhaus Attat.

Helfen auch SIE mit, uns zu helfen!

So wertvoll ist ihre Hilfe:

  • 9 Euro Tagessatz/Person im Krankenhaus
  • 30 Euro stationäre Behandlung eines Malariapatienten
  • 45 Euro stationäre Behandlung diverser Infektionskrankheiten
  • 15 Euro / Tag / Kind mit schweren Verbrennungen
  • 150 Euro Notfalloperation mit stationärer Nachbehandlung
  • 30 Euro normale Geburt
  • 36 Euro komplizierte Geburt
  • 80 Euro Kaiserschnitt mit Nachbehandlung

Filme über Sr. Rita Schiffers Arbeit in Attat:

  • Ein ausführlicheres Interview anlässlich der Preisvergabe mit Sr. Rita Schiffer und Reinhard Heiserer gibt es auf der EKFS-Website
  • Ein zuvor in Wien geführtes Gespräch von Radio Klassik mit Sr. Rita Schiffer gibt es hier zum Nachhören
  • Das Spital in Attat betreibt auch eine eigene, deutschsprachige Website: www.attat-hospital.de