Anfänge im Krankenhaus Attat

Als der Ziegenbock gegen die Türe pumperte

Alte Matratzen, kein Wasser, kein Strom, das Schwesternzimmer im alten Ziegenstall – die Anfänge im Krankenhauses Attat waren mehr als abenteuerlich

Auf die dringenden Bitte des damaligen Bischofs in der Region reiste im Jahr 1967 die Generaloberin der Missionsärztlichen Schwestern Anna Dengel erstmals nach Äthiopien. Sie wollte sich selbst in der Gurage-Region ein Bild davon machen, ob denn Hochwürdens Wunsch zur Errichtung eines kleinen Dorfspitals in Attat tatsächlich umsetzbar wäre.

Der erste Eindruck vor Ort weckte in Anna Dengel große Zweifel: hier gab es weder eine Straße, noch einen Brunnen, noch Elektrizität, noch brauchbarer Spuren einer für medizinische Leistungen notwendigen Infrastruktur. Lediglich das einst von Missionaren errichtete, leerstehende Schulgebäude neben der Kirche war vorhanden, drumherum viel Ackerland. Kaum vorstellbar also, hier ein auch nur kleines  Spital einzurichten.

Eine direkte Begegnung überzeugte Anna jedoch, trotz der misslichen Ausgangslage etwas zu tun. „Sie sah eine Gruppe von Männern, die auf einer selbstgefertigten Trage eine Frau in die nächste Stadt brachten“, erzählte Sr. Walpurga Küpper Jahre später. Die Männer hofften, dass sie „es von dort mit dem Bus bis nach Addis Abeba schaffen, denn die Frau hatte schon drei Tage Geburtswehen.“ Annas professioneller ärztlicher Blick auf die Frau ließ sie entscheiden, in Attat ein kleines Landkrankenhaus zu schaffen. Es war Anna Dengels letzte Spitalsgründung.

Patientenansturm schon im ersten Jahr

Zwei Jahre später war es soweit. Vier MMS-Schwestern, darunter Sr. Walpurga, starteten nach langen Vorbereitungsarbeiten in der alten Schule mit dem Dorfspital. Ausgestattet mit sehr bescheidenen Mitteln. Statt Betten wurden etwa alte Matratzen auf den Boden gelegt,  die sternförmig um jeweils einen Infusionsständer angeordnet waren, damit mit einem Ständer mehrere Personen versorgt werden konnten. Es gab keine Trink- und Abwasserleitungen, keine sanitären Anlagen. Die Einrichtung entsprach zunächst eigentlich nicht einmal dem Minimalstandard eines Feldlazaretts.

„Unser erstes Zimmer hier war der frühere Ziegenstall, der Bock hat immer gegen die Tür gepumpert“, erinnert sich „Gründungs-Schwester“ Inge Jansen noch heute lachend zurück. Sie feierte übrigens 2025 in Attat ihren 90. Geburtstag.

„Wie dringend hier medizinische Hilfe gebraucht wurde,  das hat sich vom ersten Tag an gezeigt“, erzählte Schwester Erna Stocker-Waldhuber (bis dato einzige aus Österreich stammende MMS-Schwester (Link) immer wieder. Denn gut 20.000 Patientinnen und Patienten wurden schon im ersten Jahr ambulant betreut. Die erste Operation im Dorfspital: ein Kaiserschnitt.

Ein Eintrag im Tagebuch der Schwester 1969 lautete: „Gesundheitsvorsorge
und Gesundheitserziehung sind dringend notwendig.“ Flugs wurden schon in diesem Jahr 1.400 Impfungen durchgeführt, denn „Impfen kann man auch ohne Strom“. Der Anfang des von Attat im Umland etablierten „integrierten Gesundheitsprogrammes“ für die Bevölkerung.

Ausbau Schritt für Schritt

In den folgenden Jahren wurde das Spital Schritt für Schritt ausgebaut. Als erstes wurden neben dem Schulgebäude eigene Räume für die Ambulanz gebaut sowie ein Brunnen für eine sichere Wasserversorgung gebohrt. Ab 1975 wurde die Infrastruktur für die Arbeit in den umliegenden Dörfern (Public Health Unit) und ein eigenes Gebäude für Entbindungen geschaffen sowie Wohnungen für die Angestellten errichtet. 1986 wurde der erste Brunnen für die Bevölkerung gebaut (heute sind es 122), eigene Räumlichkeiten für das weit gefächerte HIV/AIDS-Programm folgten. 1993 zeichnete die WHO das Krankenhaus bereits für die vorbildliche Arbeit in der Gesundheitserziehung, im Gesundheitsvorsorge-Programm aus.

„Ja, unser Haus ist in diesen fünf Jahrzehnten schon sehr gewachsen, wir haben schon etwas bewegt“, erklärte Schwester Inge anlässlich der Feiern im MMS-Jubiläumsjahr 2025 ganz bescheiden. 

Das Attat-Spital in Zahlen

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Das Attat-Spital in Zahlen Ausgewählte Daten aus den Jahresstatistiken Um allen Unterstützerinnen und Unterstützern des Attat-Krankenhauses einen transparenten Einblick in die jährliche […]